Kona – atmosphärisches Mystery-Adventure für Zwischendurch

Das Aprilwetter macht seinem Namen alle Ehre, als ich in meinem Wohnzimmer sitze und sich draußen Sonnenschein und finstere Regenschauer im Minutentakt abwechseln. Es würde die perfekte Kulisse für einen Mysterythriller bieten, denke ich so bei mir. Aber es passt auch ausgezeichnet zu den Seltsamkeiten, die mir beim Zocken meiner neuesten Game-Errungenschaft begegnen.

Ich spiele Kona, das Erstlingswerk des kanadischen Entwicklerstudios Parabole, das über Kickstarter finanziert wurde und bereits seit über einem Jahr in der Early-Access-Version spielbar ist, seine offizielle Veröffentlichung allerdings erst im letzten Monat feierte.

In dem Mystery-Adventure mit Survival-Elementen spielt man Carl Faubert, einen Privatdetektiv aus Montréal, der angeheuert wird, Vandalismusfälle in einer abgelegenen Region in Nord-Québec aufzuklären.
Sein Auftraggeber ist ein gewisser William J. Hamilton, ein Geschäftsmann aus Chicago, der in der Manastanregion eine Kupfermine betreibt und dem auch sonst die halbe Ortschaft gehört. Einige der Einheimischen sind nicht sonderlich begeistert von dem „Engländer“, der ihre Geschäfte und ihr Land aufkauft.

Hamilton beschuldigt sie, sein Hab und Gut mutwillig zu beschädigen; vor allem seine luxuriöse Villa im Norden der Gegend scheint das Hauptaugenmerk der Vandalen zu sein. Beweise hat er natürlich keine – und genau hier kommt Faubert ins Spiel.

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Zunächst wirkt alles friedlich – doch es ist die (nicht nur sprichwörtliche) Ruhe vor dem Sturm.

Die Geschichte entfaltet sich

Es ist Oktober im Jahr 1970, wie ein mit ominösem Soundeffekt aufploppender Schriftzug auf dem Bildschirm erklärt, als man Carl Faubert hinter dem Steuer seines Pick Up durch die Herbstlandschaft fährt. Ein Erzähler aus dem Off erläutert die Umstände, die Carl hierher führen, und dass das Treffen mit Hamilton im hiesigen Gemischtwarenladen stattfinden soll, den der reiche Geschäftsmann sein Eigen nennt.

Besagter Erzähler führt einen übrigens das gesamte Spiel über (wahlweise auf Englisch oder Französisch – Untertitel gibt es unter anderem auch auf Deutsch) durch die Geschichte und ist (beinahe) die einzige Stimme, die man in den kurzweiligen etwa vier bis sechs Spielstunden hört.

Während Carl also auf einer einsamen Landstraße durch Nord-Québec fährt und der Erzähler dem Spieler die Gedankenwelt des Mannes am Steuer näher bringt, läuft im Radio ein gleichermaßen schönes wie beunruhigendes Instrumentalstück, das schon mal seelisch darauf vorbereitet, dass die friedliche Atmosphäre sicherlich bald einer etwas beklemmenderen Stimmung weichen wird.

Lange warten muss man darauf nicht.

Kaum dass Carl eine zunächst abgesperrte Brücke überquert hat, kommt ihm in halsbrecherischem Fahrstil ein anderes Auto entgegen. Ein beherztes Ausweichmanöver endet in einem Unfall, der den Privatermittler kurzzeitig ausknockt. Als er aus der Bewusstlosigkeit erwacht, hat sich das Umfeld drastisch gewandelt: die blühende Herbstlandschaft ist plötzlich unter meterhohem Schnee begraben und ein eisiger Wind wirbelt Schnee und Eis auf und beschränkt die Sicht teilweise auf wenige Meter.

Vom Fahrer des anderen Wagens ist weit und breit nichts zu sehen, sein Fahrzeug steht einsam und verlassen vor einer eingestürzten Brücke.

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Das Fahrzeug ist verlassen, der Fahrer über alle Berge – und der Weg zurück von den Überresten der Brücke versperrt.

In einer nahegelegenen kleinen Hütte findet Carl einen Ofen, den er zum Aufwärmen entzündet, sowie einige Vorräte. Nachdem er den eigenen Wagen wieder aus dem Schnee gegraben hat, macht er sich auf zum Gemischtwarenladen – den seltsamen Wetterumschwung für den Moment ignorierend – um sich mit Hamilton zu treffen.

Dort angekommen findet Carl seinen Auftraggeber auf dem Fußboden des Ladens vor – erschossen. Kein guter Start. Aber wo er schon einmal hier ist (und aufgrund des Unfalls und einer eingestürzten Brücke sein Rückweg ohnehin abgeschnitten ist), kann er ja tun, wofür er normalerweise bezahlt wird: ermitteln. Nämlich den Mörder.

Leichter gesagt als getan, wie sich bald herausstellt, denn das verrückt spielende Wetter ist nicht das einzige Problem. Als er Haus für Haus in der Region abklappert, stellt Carl schnell fest, dass deren Bewohner allesamt übereilt aufgebrochen sind, offensichtlich auf der Flucht vor… ja, wovor denn eigentlich?

Bei seinen Ermittlungen tun sich mehr als nur menschliche Abgründe auf – irgendetwas Merkwürdiges geht in Manastan vor. Etwas, dass sich mit gesundem Menschenverstand allein nicht mehr erklären lässt. Etwas, dass auch Carl alsbald zu der Erkenntnis führen soll, dass er besser niemals hergekommen wäre…

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Leuchtende Eisblöcke….
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… und eingefrorene Gestalten – was geht hier bloß vor?

Mehr als ein „Walking Simulator“

Kona lebt in erster Linie von seiner mysteriösen Geschichte, aber es beschränkt sich nicht darauf, den Spieler von A nach B wandern und per Mausklick neue Storybrocken freizuschalten zu lassen, die das Geschehene und Gesehene erklären.

Dass man hier auch anderweitig aktiv werden muss, eröffnet sich dem Spieler bereits, wenn er einen kurzen Blick ins Menü wirft, wo es gleich drei Kategorien für Gegenstände gibt, die man unterwegs aufsammeln kann: Ausrüstung, Verbrauchsgüter und Inventar. Man findet Brechstangen und Hämmer, Äxte und Gewehre, Petroleumlampen, Verbandkästen und leere Flaschen, Eisenwaren und Magnete, kurzum: alles, was man gebrauchen könnte und noch mehr. Nicht alles, was man unterwegs aufsammelt, erfüllt zwangsläufig einen Nutzen, aber ein paar wichtige Dinge sollte man niemals (links) liegen lassen.

Denn um das eigene Überleben zu sichern, ist es unabdingbar drei wichtige Komponenten stets im Blick zu behalten: Carls körperliche Unversehrtheit, seinen geistigen Zustand und seine Körpertemperatur.

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Immer schön warm halten…

Vor allem letzteres erfordert einige Aufmerksamkeit, denn das eisige Wetter bringt Carl schnell zum Frösteln, wenn er sich aus der Behaglichkeit eines Hauses oder seines Autos hinauswagt. Wenn man nicht möchte, dass er draußen im Schneesturm erfriert, tut man gut daran Streichhölzer, Anzünder und Holz zu sammeln, um entweder Feuerstellen in der Wildnis oder Öfen in Häusern und Hütten entzünden zu können, damit Carl sich dort wieder aufwärmen kann.

Verbandkästen und Schmerzmittel stellen Carls Gesundheit wieder her, sollte er sich in einem der (zwar rar gesäten, aber durchaus vorkommenden) Kämpfe verletzen. Um seine Nerven zu beruhigen, kann Carl ein paar Mal an einer Zigarette ziehen oder auch ein schnelles Bier zischen, dass man aus dem Kühlschrank eines Hauses mitgehen lässt. Ist er nämlich zu gestresst, sprintet er kürzere Zeit und zielt schlechter (inwiefern Zigaretten die Sprintausdauer und Alkohol die Zielfähigkeit erhöhen, sei mal dahingestellt).

Wer vorwärts kommen will, muss seine Hirnzellen bemühen

Eigentlich aber ist man ja nicht hier, um seine Überlebenskünste zu demonstrieren, sondern um einen Mord aufzuklären und nebenbei herauszufinden, was die Bewohner des Ortes dazu veranlasst hat, schlagartig die Flucht zu ergreifen.

Mit seiner treuen Sofortbildkamera ausgestattet, zieht Carl durch die Gegend und sammelt Hinweise – und ganz mystery-getreu sieht die Kamera hier manches Mal mehr als das bloße Auge.

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Wie heißt es so schön? Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte…

Man kommt auch nicht darum herum, das ein oder andere Rätsel zu lösen, um an neue Informationen zu gelangen. Nachdenken muss man dabei schon, verzweifeln wird man aber wohl nicht unbedingt daran.

Eine größere Herausforderung ist es da schon eher, auf Anhieb den richtigen Weg zu finden. Das Spiel lässt einen nämlich relativ frei in der Gegend herumlaufen und die Umgebung erkunden. In welcher Reihenfolge man die Häuser, Hütten und Waldstückchen der Region abklappert, ist einem selbst überlassen. Es kann entsprechend aber schon einmal vorkommen, dass man später an bereits besuchte Orte zurückkehren muss, weil einem noch Gegenstände fehlen, die man irgendwo anders erst findet.

Glücklicherweise hat man ja ein Auto, das einen mehr oder weniger sicher von Haus zu Haus bringt. Gleichzeitig gibt es auf der Ladefläche des Pick Up genügend Platz, um gesammelte Gegenstände zu verstauen, damit man die Taschen wieder frei hat für Neues (der Platz im Inventar ist nämlich begrenzt).

Bloß nicht den Überblick verlieren

Und damit man sich zwischen Schneewehe und Baum auch nicht verläuft oder verfährt bekommt man noch eine Karte der Umgebung an die Hand, die einem nicht nur jeden Weg und jedes Haus anzeigt, sondern auch, wo man selbst eigentlich gerade herumirrt. Das ist auch bitter nötig, denn ohne diese Karte zu navigieren ist bisweilen nahezu aussichtslos.

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Carls Notizbuch ist eine hilfreiche Stütze für die Ermittlungen.

Sich zu verirren ist übrigens auch storytechnisch durchaus möglich: Dadurch, dass man Informationen nicht in einer festgelegten Reihenfolge findet und es zwei parallele Handlungsstränge gibt, ist es manchmal gar nicht so leicht, die richtigen Hinweise miteinander zu verknüpfen (je nachdem wie clever oder blöd man sich beim Abklappern der einzelnen Örtlichkeiten anstellt). Zum Glück gibt es hier ein Notizbuch, in dem Carl alle wichtigen Begebenheiten und Anhaltspunkte notiert, sodass man jederzeit darauf zurückgreifen kann. Auf diese Weise hat man stets einen Überblick über bereits gesammelte Informationen und darüber, wo einem eventuell noch etwas fehlt, um das Puzzle zu vervollständigen.

Mein Fazit

Kona versteht es einen ausgewogenen Mix zwischen Geschichte und Interaktion zu finden. Die Survival-Elemente fügen sich angenehm unanstrengend in den Spielfluss ein, sodass man sich zum Großteil auf die Story konzentrieren kann, ohne gleich jede Sekunde um Carls vorzeitiges Ableben fürchten zu müssen.

Das Erkunden der Häuser, Hütten und Wälder und das damit verbundene Entwirren der Geschehnisse in der kanadischen Einöde macht einfach nur Spaß, auch wenn sich des Rätsels Lösung schon relativ frühzeitig abzeichnet. Kona erzählt zwar keine revolutionär neue Geschichte, aber es erzählt sie äußerst spannend und unterhaltsam.

Außerdem wartet das Spiel mit einer großartigen Atmosphäre auf, die womöglich sogar das Highlight darstellt.

Die Abgeschiedenheit der Region, der allgegenwärtige Schneesturm, die still und verlassen dastehenden Häuser, deren Bewohner gefühlt vor noch wenigen Momenten dort gewesen sein müssen und deren plötzliches Verschwinden oder übereilte Flucht mit manch seltsam anmutenden und äußerst kryptischen Botschaften belegt ist – all das trägt dazu bei ein leicht mulmiges, wenn nicht gar beklemmendes Gefühl beim Spieler zu hinterlassen. Der urplötzliche Einbruch der Nacht und die unheimliche Gräuschkulisse aus abwechselndem pfeifenden Wind, Stille und eigenwilligen Liedern, die aus dem ein oder anderen Radio schallen, tun ihr Übriges.

Auch wenn der Preis von derzeit 20 Euro für vier bis sechs Stunden Spiel nicht unbedingt ganz günstig erscheint, finde ich, dass Kona sein Geld wert ist. Ich jedenfalls habe mich rundum hervorragend unterhalten gefühlt und das Game mittlerweile sogar noch ein zweites Mal durchgespielt, ohne mich dabei auch nur im Geringsten zu langweilen.

Money well spent.

 

tl;dr

Kona ist ein Mystery-Adventure mit Survival-Elementen, das den Spieler in eine abgelegene Region Kanadas in den 1970ern entführt, wo es einen Mord und das mysteriöse Verschwinden der übrigen Bewohner zu enträtseln gilt.
Kurzweilig und mit mildem Gruselfaktor und großartiger Atmosphäre ist es ein Spiel, das ich jedem Mysteryfan nur ans Herz legen kann.

 

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2 Kommentare zu „Kona – atmosphärisches Mystery-Adventure für Zwischendurch

Gib deinen ab

  1. Hey DaddelDeern! Ein sehr gelungener Beitrag! Ich hab von Kona bisher gar nix gehört, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich nicht so ein „Rätselfreund“ bin. ^^ Aber das Spiel scheint tatsächlich ja nicht nur eine Art „Myst“ zu sein, sondern schon vielseitiger und es weckt auch eher den Entdecker in einem. Vielleicht lass ich mich ja doch nochmal zu so einem Spiel hinreißen. Komplett abgeneigt bin ich dem eigentlich auch nicht, hauptsächlich weil es so, wie du erzählst, auch sehr spannend scheint. Mal sehen 😀 Auf jeden Fall finde ich jedes Mal deinen Schreibstil einfach toll. Klingt einfach professionell. 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deinen Kommentar! ^^

      So “rätselig“ ist Kona tatsächlich gar nicht. Es gibt einfach einiges zu entdecken – und den Protagonisten am Leben zu halten. 😀

      Und danke für das Kompliment zu meinem Schreibstil – da werd ich ja glatt rot… 😀

      Gefällt mir

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