Ausgekramt: Stunts [1990]

Neulich hatte ich mal wieder einen Anflug von nostalgischer Stimmung und dachte zurück an meine Kindheit. Eine Zeit, in der ich auf dem Sofa einschlafen und im Bett wieder aufwachen konnte (like a boss!), in der Fruchtzwergeeis und Diddl-Mäuse der heiße Scheiß waren und in der ich das erste Mal mit Videospielen in Berührung kam.

Damals, als man noch Disketten ins röhrende Laufwerk schob und der Ton aus dem Tower und nicht aus den Boxen dröhnte. Ihr wisst schon: die gute alte Zeit.

Für meinen heutigen Beitrag habe ich deshalb ein Spiel aus meiner Erinnerungskiste gegraben, das zwei Dinge kombiniert, auf die ich damals echt flog: Rennen fahren und absoluter Blödeleien-Overkill. Willkommen zu Stunts.

Stunts wurde vom kanadischen Studio Distinctive Software Inc. (DSI) entwickelt (das 1991 übrigens von Electronic Arts aufgekauft und in EA Canada umbenannt wurde). Publisher in den USA war Brøderbund, in Europa wurde das Rennspiel von Mindscape vertrieben.

Ich mach die Welt, wie sie mir gefällt

Stunts ist nicht bloß ein Rennspiel, in dem man seine Runden dreht und entweder die Uhr oder computergesteuerte Mitspieler zu schlagen versucht (obwohl man das natürlich so spielen kann).

Der unangefochtene Star des Spiels ist der Editor, der es dem Spieler erlaubt, eigene Rennstrecken zu entwerfen. Und Stunts hieße nicht Stunts, wenn es nur darum ginge, öde im Kreis zu fahren.

Man kann Sprungschanzen bauen, Loopings und Schrauben, dem potenziellen Fahrer das Leben mit Betonwänden auf der Straße zur Hölle machen oder so viele enge Kurven aneinander reihen und den Rand mit Häusern zukleistern, dass ein Crash nahezu unausweichlich wird.

Track02
Die eigene Rennstrecke basteln, testen und weiter daran tüfteln – die Hauptattraktion des Spiels.

Am meisten Spaß macht es natürlich, diese Strecken für andere zu basteln. Wenn man sich also mal Besuch einlädt und dessen Frustrationstoleranz ermitteln möchte, ist Stunts ein mindestens genau so guter Kandidat dafür wie Dark Souls. Man kann und sollte seine Strecken aber natürlich auch selbst testen – der trial-and-error-Prozess macht auch alleine Spaß (und/oder irre).

Der Editor ist in seiner Handhabung wunderbar einfach. Man wählt eine der vielen zur Verfügung stehenden Landschaften aus und baut dann seine Straßen, Loopings etc. dorthin, wo man sie eben haben möchte. Dazu wählt man am rechten Rand die entsprechenden Elemente aus und platziert sie dann auf dem Grün.

Track01
Der Editor – einfach und effektiv.

Am Schluss kann man seiner Strecke noch einen kreativen Namen geben, speichert sie dann ab und kehrt ins Hauptmenü zurück. Von dort geht es nahtlos weiter zur Auswahl des schnittigen Sportwagens (oder der eher lahmen Karre), mit dem man über seine frisch betonierte Strecke heizen möchte.

Auch hier gibt es nicht viel, das den Spielspaß verkomplizieren könnte. Man orientiert sich am besten einfach an dem Graphen auf der linken Seite und wählt – das jedenfalls ist meine persönliche Empfehlung – das Auto aus, das am schnellsten beschleunigt und die höchste Geschwindigkeit erreicht. Da kann man wirklich nicht viel falsch machen (obwohl es natürlich genauso unterhaltsam ist, sich einen langsameren Wagen auszusuchen und ihn über die Rennstrecke schleichen zu lassen – nur sollte man sich dann nicht wundern, wenn man schon an der ersten Sprungschanze scheitert, weil die Gerade davor nicht lang genug ist, um ordentlich in Fahrt zu kommen).

Car01
Die Auswahl des Wagens geht genauso schnell und unkompliziert wie der Rest.

 

Crashs sind vorprogrammiert

Klingt alles viel zu easy? Au contraire! Ziel ist es ja nicht nur, fröhlich seine Runden auf der Strecke zu drehen, sondern auch, dies zu tun, ohne in einem gigantischen Feuerball an einem auf dem Land gestrandeten Schiffswrack zu zerschellen.

Zu verunglücken ist kinderleicht und passiert ständig. Bei so ziemlich jeder Gelegenheit. Quasi ohne Vorwarnung. Es braucht jedenfalls nicht viel, damit der Wagen fahruntauglich wird und man sein Rennen von vorne starten darf:

Oh, du hast den Looping nicht richtig erwischt und bist beim letzten Stück etwas abgekommen und fällst jetzt einen halben Meter tief, landest aber auf den Reifen? Fang von vorne an.
Oh, du konntest nicht rechtzeitig bremsen und bist mit einer Restgeschwindigkeit von 15 km/h vor die Wand gefahren? Fang von vorne an.
Oh, du bist mit 210 Sachen über zwei Windmühlen gesprungen und fliegst jetzt ungebremst in eine Palme, die irgendso ein Idiot mitten auf die Rennstrecke gepflanzt hat? … Ähm… na gut, das wäre vielleicht auch in der Realität minimal tödlich.

Race02
Der unabwendbare Bildschirm des Todes – nach einem Crash heißt es: von vorne, bitte.

Sollte man es dann womöglich doch einmal geschafft haben, im Kreis zu fahren ohne zu verunfallen, kann man die Früchte seines Fleißes ernten und sich in der eigenen Rückschau suhlen. Dann kann man seine Leistungen noch einmal aus verschiedensten Kameraperspektiven in aller Ruhe nachvollziehen und die spektakulärsten Stunts noch einmal erleben.

Fazit? Empfehlung!

Wer Stunts noch nicht gespielt hat, sollte das dringendst nachholen. Wer es schon kennt, sollte es schnell wieder ausgraben.

Kurz gesagt: Das Spiel macht Laune. Und wie bereits erwähnt, hat der Streckeneditor die Nase ganz weit vorne, was das Fun-Potenzial betrifft. Egal, ob man nun eine Strecke mit oder ohne Firlefanz baut – sie auf ihre Tauglichkeit zu prüfen ist eine durchgehend unterhaltsame Angelegenheit. Der eigene Ehrgeiz wird zudem besonders schnell geweckt, je größer die Herausforderung.

So dachte ich zunächst, meine Sprungschanze, die ich recht nah hinter einer Kurve gebaut hatte, sei einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Aber in dieses Schicksal ergeben wollte ich mich dann doch nicht so leicht – und siehe da: Übung macht den Meister und nach sechs erfolglosen Versuchen hatte ich es dann doch endlich geschafft, meinen Wagen heile und schnell genug durch die Kurve zu bekommen, um den Sprung zu schaffen. Und bin dann eben an einer Betonwand auf der Strecke zerschellt. Naja. Zurück ans Reißbrett kann man ja jederzeit kehren.

Wer sich selbst einmal an dem Spiel probieren möchte, kann es auf diversen Seiten kostenlos herunterladen (zum Beispiel hier) und ganz einfach über DOSBox starten (gibt es auf der verlinkten Seite auch zum Download).

Es lohnt sich!

Übrigens:

Stunts hat noch heute – fast 27 Jahre nach Veröffentlichung – eine aktive Community. Im ZakStunts-Forum liefern sich 18 Mitglieder aus acht verschiedenen Ländern Rennen auf ständig wechselnden Strecken, die von ihnen zusammengebastelt wurden.
Neue Gesichter sind jederzeit willkommen!

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15 Kommentare zu „Ausgekramt: Stunts [1990]

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  1. Stunts habe ich ja schon ewig nicht mehr gespielt!

    Der Streckeneditor war der Hammer! Stunden – bevorzugt im Textverarbeitungsunterricht in der Schule – habe ich mit dem Editor verbringen können. Diese Röhren mit Hindernis, Looping, Kurve und Hochhaus an der richtigen Stelle platziert (vorzugsweise kurz vor dem Ende der Strecke) und fertig ist die frustige Strecke 😉

    Erwähnenswert sind auch die Computergegner. Nicht der KI wegen, sondern wegen der digitalisierten Profilbilder, die am Rennende „animiert“ wurden. Ich bin meistens gegen den Hugo-Egon Balder Verschnitt gefahren – da konnte ich testen, ob meine Strecke auch schön schwer war. Und er sieht am witzigsten aus 🙂

    Vielen Dank für den schönen Artikel – wird Zeit die DosBox wieder zu aktivieren 🙂

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    1. Oh ja, ich habe auch so einige Stunden damit verbracht, Strecken zu bauen, die gefühlt aus der Hölle kamen und direkt dahin zurück führten! 😀

      Die Computergegner waren schon ein Schlag für sich, da waren so ein paar ulkige Knalltüten dabei. XD

      Danke für deinen Kommentar! 🙂

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  2. Hach, ein schöner Text – ein schönes Spiel!

    Deine Erinnerung an die Kindheitstage und Stunts nach dem Konsum eines köstlichen Fruchtzwergeeises ist Dir erfrischend gut gelungen! Mich erinnert Stunts immer an die wundervolle Zeit, in der Spiele einfach Spaß machen sollten. An eine Zeit, in der das Wesentliche ausreichen musste und kein Feature-Overload die Freude ausbremste.

    „Fang von vorne an.“ – hat uns damals nicht gestört. Es gab ja auch kaum eine andere Ablenkung. Und so haben wir nicht nur die Vorgaben akzeptiert, sondern natürlich auch den Track Editor ausgereizt. Was für ein Spaß!

    Danke für Deinen Artikel. Ich werde ganz sicher öfter hier vorbeischauen 🙂

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    1. Vielen Dank für die lobenden Worte. 🙂 Ich versuche natürlich immer ein bisschen Witz und Spritzigkeit in meine Texte zu bringen und freue mich, wenn das scheinbar funktioniert. 😀

      Es stimmt, damals waren Spiele oftmals unkomplizierter und trotzdem – oder eben gerade deshalb – eine tolle Langzeitunterhaltung. Heutzutage sind ja manche Spiele so überambitioniert komplex, dass sie sich dabei selbst zerlegen. Da ist es manchmal einfach schön, in der ollen Kiste zu graben und die unverfänglich unkomplizierten Spiele aus alten Tagen hervor zu kramen. 🙂

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  3. Ein interessanter Text zu einem schönen Spiel! Hab das auch stundenlang gespielt. Die Wahl des Autos war je nach Strecke nicht unerheblich. Ich hab gerne das schnellste Auto genommen, leider war das nicht immer die gute Wahl. Damit war ich auch schnell neben der Strecke.
    Hab leider keinen Joystick mehr und die Tastatursteuerung will ich mir nicht antun. Daher werde ich es wohl nicht wieder installieren. Gib es eigentlich einen Nachfolger in der aktuellen Generation? Außer Trackmania fällt mir da kein Titel ein.

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    1. Erst einmal: Danke für deinen Kommentar. 🙂
      Mir ist kein Nachfolger bekannt. Ich bin bei meinen Recherchen aber über Ultimate Stunts gestolpert, das eine kostenlose (offenbar fangemachte) Neuauflage des klassischen Stunts werden will. Das Projekt ist allerdings, soweit ich das sehe, seit 2012 nicht mehr weiter voran getrieben worden und hängt in einer sehr Early Access Version. Die Macher versichern auf ihrer FAQ Seite aber, es würde – wenn auch sehr langsam – weitergehen und das ambitionierte Projekt sei nicht tot. Kann man auf alle Fälle mal im Auge behalten: http://www.ultimatestunts.nl
      😉

      Was die Fahrzeugauswahl betrifft, wurde in einem anderen Kommentar ja auch schon darauf hin gewiesen, dass es nicht nur um den schnellsten Wagen geht, sondern da durchaus mehr Finesse gefragt sein kann. Aber ich bin da eben unverbesserlich und halte es mit Jeremy Clarksons Einstellung: “POWER!!!“ 😀

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      1. Ultimate Stunts sieht aber noch sehr nach Baustelle aus. Würde mich freuen wenn die Entwickler das mal fertig bekommen. Wenn man so lange an einem Projekt sitzt muss schon Leidenschaft dahinter stecken.

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  4. Ha! Das ist ja ein echt geiles Spiel! Mir war das Spiel überhaupt nicht bekannt. (Schande über mein Haupt ^^) Das mit dem Editor ist echt cool, da kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Und die Grafik, so schön simpel. Ich verstehe nicht wieso ich das Spiel bisher nicht kannte.

    Du hast auf jeden Fall wieder einen echt tollen Beitrag hier geschrieben. Jetzt bekomme ich 1. wieder Bock auf ein Rennspiel 2. Ich bin grad wieder voll im Retro-Rausch und 3. Hab ich jetzt irgendwie Bock das Spiel auch Mal auszuprobieren! 😀

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    1. Ach, es gibt sooo viele Videospiele – da kann man ja unmöglich alle kennen. 😉
      Umso toller, wenn ich es mit meinen Beiträgen schaffe, Menschen noch neues Altes an die Hand zu geben. ^^

      Retro-Rauschs unterstütze ich natürlich immer mit ganzem Herzen! ;D
      Wenn du es denn mal ausprobiert hast, lass mich wissen, was du denkst! ^^

      Danke für deinen Kommentar. 🙂

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    2. Stunts / 4D Sports Driving nicht zu kennen ist aber schon fast grenzwertig, das muss schon mal gesagt werden! 😉

      Aber klasse dass DaddelDeerns sehr schöner Beitrag Dein Interesse an diesem Klassiker geweckt hat. Wenn Du mal eine Strecke gebastelt hast, kannst Du sie ja mal zum Download bereitstellen, dann können wir uns alle mal dran versuchen! 😃

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      1. Na, na, keine Verurteilungen hier in meinen Kommentaren! 😉 😀

        Das mit dem Streckendownload ist natürlich auch eine klasse Idee; kollektives Rennfieber ahoi! 😀

        (Und ein schnelles Dankeschön für den Kommentar und die Worte “schöner Beitrag“ 😉 .) ^^

        Gefällt 2 Personen

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